Ästhetik als Sorge um das Offene: Impulse aus dem südlichen Afrika und Überlegungen zur Verhandlung kultureller Vielfalt mit und im Theater

Rückblick und Ausblick mit Dr. Julius Heinicke

 

Julius, Du hast im Projekt angefangen, als Deine vorherige Forschungsarbeit sich bereits mit dem Theater in Zimbabwe auseinandergesetzt hatte. Einigen von uns im Projekt ging es ähnlich, da waren schon Einsichten da, wie in Deinem Fall eine ganze Dissertation, besondere Interessen hatten sich entwickelt. Kannst Du mir schildern, wie es für Dich konkret einen neuen Anfang gegeben hat mit „The Aesthetics of Applied Theatre“? Oder ist das eine Illusion, dass man da von vorne anfängt?

 

Ich konnte unmittelbar an die Forschung meiner Dissertation anschließen, was akademischer Luxus ist. Denn meist endet eine international agierende Forschungsarbeit mit Abschluss der Förderzeit bzw. der Publikation. Ich hatte aber durch das ERC-Projekt die Möglichkeit, Theater und Performance im südlichen Afrika noch einmal anders zu denken und Verknüpfungen in andere Felder hinein zu schaffen. In meiner Dissertation „How to Cook a Country: Theater in Zimbabwe im politisch-ästhetischen Spannungsfeld“ habe ich in erster Linie versucht, die gegenwärtige Theaterszene in Zimbabwe darzustellen und ihre ästhetisch-politische Bedeutung als Gegenöffentlichkeit zum Mugabe-Regime herauszuarbeiten. Im südlichen Afrika ist der Graben zwischen Kunsttheater und Applied Theatre nicht so offensichtlich; Übergänge sind fließend, weswegen ich nicht explizit zwischen den Genres Kunsttheater und Applied Theatre unterschieden habe. Im Projekt an der FU war die Kluft zwischen autonomer Kunsttheater- und Applied-Theatre-Szenen jedoch deutlich spürbar, und mit der Zeit kam die Idee auf, Impulse aus den afrikanischen Kontexten für hiesige Diskussionen aufzugreifen. Warum schotten sich Kunsttheater und dessen Theorieschmieden in Deutschland von angewandten Formen traditionell ab? Welche ästhetischen und gesellschaftlichen Strategien verbergen sich dahinter? Warum hat sich Theater im südlichen Afrika von dieser Trennung verabschiedet bzw. warum spielen Theater und Performance in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten eine so bedeutende Rolle?

Nachdem ich einige Monate an diesen Fragen herumgebastelt habe, brachen 2014 die Herausforderungen der zunehmenden Fluchtbewegungen in die deutsche Theaterlandschaft herein und mit ihnen Diskussionen um (Neo)Kolonialismus, Rassismus und Exotismus auf der Bühne. Ästhetische Ausdruckweisen des europäischen Theaters werden von der Zunahme an kultureller Diversität erneut gefordert, meines Erachtens sind ihre Macher von diesen gesellschaftlichen Wandlungen oft noch überfordert. Theaterakteurinnen und -akteure im südlichen Afrika setzen sich dagegen schon seit Beginn der postkolonialen Umbrüche nicht nur mit kultureller Vielfalt auseinander, sondern hinterfragen auch die Dominanz abendländisch-kolonialer Ästhetik und deren Tendenz zu dichotomisieren. Aufgrund meiner Erfahrungen und Kontakte aus der Promotionszeit war es mir im Projekt also möglich, die Diskurse globaler zu denken, zumindest einen theoretischen Vergleich zwischen Südafrika, Zimbabwe und Deutschland anzustoßen, jedoch zugleich die regionalen Kontexte und Spezifika nicht außer Acht zu lassen. In meiner abschließenden Publikation geht es darum, theoretisch-praktische Formen und Formate des ästhetischen Denkens und Handelns vorzuschlagen, die solch kulturelle Diversität fassen und verhandeln können, sowohl auf der Bühne als auch in der Praxis angewandten Theaters. Ich verstehe sie als einen Dialog zwischen afrikanischen und europäischen Philosophinnen und Philosophen, Künstlerinnen, Praktikern und Fallbeispielen aus all diesen vielfältigen Breitengraden und Genres.

 

 

Wie hast Du Dich und die Partner vor Ort vorbereitet auf Dein Kommen, Dein Wiederkommen? Bist Du meist sehr anlassgebunden gereist? Methodologisch und auch von der emotionalen Verarbeitung war Dir also die ‚Feldforschung‘ nicht fremd. Kannst Du Dich an Momente erinnern, die Dich besonders herausgefordert haben?

 

Während meiner Promotion habe ich viele Theaterprojekte und Probenprozesse im südlichen Afrika begleitet. Das war zunächst eine große Herausforderung, besonders in Zimbabwe, da die Theaterszene hier im ‚Untergrund‘ agiert und man erst Vertrauen aufbauen muss. Als mehr oder weniger in ‚Sicherheit‘ lebender Europäer ist es immer eine ambivalente Situation, über Kunstprojekte zu schreiben, deren Macherinnen und Macher politisch bedroht und verfolgt werden. Emotional ist das nicht immer leicht, denn man geht auf gegenseitiges Vertrauen bauende Bündnisse mit Kunstschaffenden und -organisationen ein und will doch objektiv-kritisch über sie schreiben. Ich glaube, einige Künstlerinnen und Künstler haben mich als etwas ‚abgesondert‘ wahrgenommen, aber ich wollte nicht zu sehr persönlich in die künstlerische Arbeit hineingezogen werden, mir war eine Distanz wichtig.

Auf all diese Kontakte und Erfahrungsschätze konnte ich während des ERC-Projekts zurückgreifen und habe mich zudem verstärkt auf Symposien, Konferenzen und in Universitäten bewegt, um mein theoretisch-vergleichendes Ansinnen voranzubringen. Meine Kolleginnen und Kollegen in der „African Theatre Association“, in der „African Performance Working Group“ der IFTR oder an den Drama and Performance Departments in Afrika waren mit meinen Forschungsarbeiten zu den Theaterszenen im südlichen Afrika vertraut. Hiervon ausgehend war es mir möglich, die Kreise weiter zu ziehen und einen eher theoretischen Vergleich zwischen afrikanischen und europäischen Diskursen und Diskussionen voranzubringen. Ähnliches galt für den ‚westlichen‘ Kontext. Auch hier konnte ich als etablierte ‚Theaterexperte‘ des südlichen Afrikas meine Fühler in andere Bereiche, zum Beispiel der angewandten Kultur- und Kunstwissenschaften und Theaterpädagogik ausstrecken, nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern beispielsweise auch in Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz, Kanada und den USA. Überall dort gelangte ich in ganz eigene Welten, die jeweils einen besonderen Zugang zum Forschungsfeld haben, was ich spannend und sehr aufschlussreich fand.

 

 

Im Projekt sind wir ja umgeben von Gedanken über und Praxiseinsichten in Applied Theatre. Hast Du in Deiner eigenen Lehrerfahrung bemerken können, dass das auch ein Interesse ist, was die Studierenden haben, das mehr zu besprechen? Haben sich da auch Seminarinhalte und didaktische Momente geändert, also – ist das Applied Theatre in Deinen Augen etwas, was in der theoretischen Disziplin so wie sie ist, angekommen ist, und auch lehrbar? 

 

Bevor ich an die FU kam, habe ich bei den Afrikawissenschaften an der HU in Berlin und an Universitäten und Hochschulen in Zimbabwe und in Südafrika gelehrt. Da war der Mix zwischen Theorie und Praxis üblich und das hab ich ganz selbstverständlich am Institut für Theaterwissenschaft weitergeführt, beispielsweise konkret mit welchen Themen und Aufgabenfeldern Absolventinnen und Absolventen in der internationalen Kulturarbeit konfrontiert werden. Da ist natürlich von Vorteil, wenn man vorher lange Zeit in dem Bereich selbst gearbeitet und geforscht hat.

Für den Applied-Theatre-Kontext scheint mir dies besonders wichtig. Ich glaube, er verträgt noch eine tiefergehende kritisch-theoretische Auseinandersetzung, was Institute wie die Theaterwissenschaft an der FU leisten können. Andererseits können die Theorieschmieden von der ‚Unmittelbarkeit‘ der gesellschaftlich-sozialen Praxis der Applied-Theatre-Szenen ebenfalls nur profitieren. Da immer mehr Formen des angewandten Theaters in die etablierten Häuser Einzug halten, muss sich selbstverständlich auch die Wissenschaft damit auseinandersetzen. Auch wenn man der sozialen, gesellschaftlichen und politischen Inanspruchnahme von Theater kritisch gegenüberstehen mag, Ignoranz ist hier sicherlich der falsche Weg. 

Die Studierenden haben meine Verknüpfungsversuche meist sehr begrüßt und den Wunsch geäußert, mehr Einsichten in die Applied-Theatre-Praxis zu bekommen. Auch wenn die FU sich zurecht bewusst nicht als Ausbildungsort von Theaterprädagoginnen und Applied-Theatre-Praktikern versteht, ist es doch für die Berufsfelder der Absolventinnen und Absolventen – seien sie dramaturgischer, kuratorischer, koordinatorisch-leitender ästhetischer oder wissenschaftlicher Art – unumgänglich, dass sie sich mit den Praktiken und Feldern angewandter Kunst(vermittlung) auseinandergesetzt haben: Einerseits sollten sie wissen, wie sich ein Kunstprojekt mit einer international agierenden NGO organisatorisch gestaltet oder ein Finanzplan auszusehen hat, andererseits sollten sie mögliche koloniale Hierarchien und die Wirkungsgeschichten, die sich hinter solchen Projekten verbergen, entlarven oder Praktiken bestimmten Theatertraditionen zuordnen, kritisch hinterfragen und theoretisch einordnen können. Für diese Theorie-Praxis-Verknüpfungen sind Forschungsprojekte wie „The Aesthetics of Applied Theatre“ auch für die Lehre von unschätzbarem Wert, da sie sich zu den Akteurinnen und Akteuren verschiedener Lager und Traditionen verhalten müssen und so zwangsläufig ihren Blick ‚offener‘ durch die Theaterlandschaften streifen lassen.

 

 

Foto: Soweto Theatre © Julius Heinicke.

 

Das Gespräch führte Kristin Flade.

 

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 Julius Heinicke. „Ästhetik als Sorge um das Offene: Impulse aus dem südlichen Afrika und Überlegungen zur Verhandlung kultureller Vielfalt mit und im Theater“, The Aesthetics of Applied Theatre (Blog), März 2017.