Über Pick Up Artists

Ein Gespräch zwischen Kristin Flade und Florian Evers.

 

Florian Evers

Ich weiß von uns beiden, dass wir die amerikanische Sitcom How I Met Your Mother gesehen haben. Die Grundkonstellation der Serie besteht darin, dass die Hauptfigur, Ted Mosby, als Erzähler in einer Rahmung seinen Kindern die Geschichte erzählen möchte, wie er ihre Mutter kennengelernt hat. Durch Abschweifungen kommt er nie zum Punkt und legt stattdessen sein komplettes Singleleben in den 2000ern im Kreis seiner Freunde dar. Ihm, dem Single auf der Suche nach fester Bindung, sind in seinem Freundeskreis zwei Extreme zur Seite gestellt, durch die sich die Komik der Serie entfaltet: sein bester Freund Marshall mit seiner Freundin Lilly – das ewige Paar, das nur einander hat, und Barney Stinson, der ewige Junggeselle, Sexist und Pick Up Artist. Sie fungieren wie Engel und Teufel auf seinen Schultern, die Teds Suche nach einer Partnerin begleiten, kommentieren und beeinflussen.

Barney Stinson scheint dabei zum eigentlichen Klassiker, zur Lieblingsfigur der HIMYM-Community geworden zu sein. Seine fiktiven Anleitungen zum Aufreißen von Frauen werden als tatsächliche Bücher verkauft und bisweilen ist mir nicht mehr ganz klar, ob Barney Stinson bei Teilen des männlichen Publikums überhaupt als Karikatur oder Antiheld verstanden wird, oder ob der Rollback sich im Feiern des Sexisten hier in der Fiktion seine Bahn bricht. Versteh’ mich nicht falsch. Ich bin kein moralisierender Medienwächter. Ich kann über die Figur herzlich lachen, aber in Ihrer Absurdität, im schwarzen Humor, im Charakterbruch, wo sie sogar tragisch wird, und natürlich an den Stellen, an denen sie scheitert und man ihr das von Herzen gönnt. Aber junge Männer, die sein wollen wie Barney Stinson? Kann man sich Barney als Rollenmodell in der Realität wünschen – denn das Phänomen, was wir mit den Pick Up Artists betrachten, scheint genau das einzuüben?

 

Kristin Flade

Ich finde es überraschend und naheliegend zugleich, dass Du über Barney Stinson schreibst. Kürzlich habe ich mit einem Freund darüber gesprochen, wie er mit einem Kumpel wegging und ich meinte, in Referenz auf Barney Stinson, „How nice, then you are each other’s wingmen“. Er sagte darauf nur, dass der andere das wohl gar nicht nötig habe. Hm. Jedenfalls war meine Parallelisierung dann wesentlich unschuldiger verortet und gemeint als Deine Problematisierung, die Figur als Rollenmodell zu denken.

Es ist eine ganze Weile her, dass ich die Serie gesehen habe und vielleicht ist die charakterliche ‚Läuterung’ das, was mir von Barney in Erinnerung geblieben ist und auch die Lächerlichkeit, mit der ich seine Aktionen beschreiben könnte.

Aber, ja, ich gebe Dir Recht – strukturell ähneln seine Verhaltensweisen denen der Leute, die in den vergangenen Herbstwochen 2014 erneut durch die Medien geistern und gar in Berliner Hotels eine Horde von Sexisten trainieren sollen.

Ich erinnere mich, wie es darum vor einigen Jahren schon mal ging, muss aber sagen, dass ich bisher nicht wirklich mit solcherart Veranstaltungen im öffentlichen Werberaum konfrontiert wurde. Da frage ich mich – wie kommt man (Mann?) eigentlich dazu, davon zu erfahren, dass es das gibt, und worin liegt der Reiz, sich da anzumelden? Tatsächlich habe ich durchaus eine technische Lust daran, zu so einem Seminar zu gehen.

Wie stellst Du Dir so ein Seminar vor? Würdest Du da mitmachen? Ich frage Dich das gar nicht spezifisch als Mann, sondern als jemanden, der sich mit so Rollenspielsituationen auskennt. Und an speziellen Situationen ein interesseloses Wohlgefallen entwickeln könnte.

 

F.E.

Nun, Barney Stinson kam mir in den Sinn, weil er die Karikatur (und Privatdozent) dessen ist, was der sogenannte Pick Up Artist in der Realität lebt bzw. lehrt. Bei Letzterem versagt mir dann aber doch der Humor. Und ja – ich würde gerne ein solches Seminar sehen. Nicht aus Privatinteresse, sondern daher, dass ich immer, wenn ich über den Tellerrand meiner Themenstellung innerhalb des Projektes hinausblicke, gerne die Beispiele schwarzer Pädagogik, der seelischen Manipulation und der zweifelhaften politischen Inhalte betrachte. Oberflächlich wird das Applied Theatre so gerne im Zusammenhang sozialer Projekte verortet. Dem gegenüber stehen die Sekten, die neoliberalen Vampire und die zwanghaften Selbstoptimierer. Hier haben wir ein Beispiel des Applied Theatre, in dem in Rollenspielen eingeübt wird, Frauen zu objektivieren. Mit ganz ähnlichem Vokabular wie im Manager-Training – „Sei authentisch!“, „Nimm Dir, was Du willst!“ Zum Teil von Laien, zum Teil von Psychologen angeboten, die sich nicht länger der Heilung verpflichten, sondern ganz im Gegenteil jungen Männern das Peter-Pan-Syndrom mit theatralen Mitteln antrainieren, weil es der von Ihnen begehrte Lebensstil ist. Da wünsche ich mir doch beinahe einen Hippokratischen Eid der psychologischen Zunft.

 

K.F.

Ja, das ist eine interessante Diskrepanz, die Du da beschreibst, und die in manchen Diskussionen bei uns im Projekt manchmal auch aufscheint: Dass diese theatrale Technik selbst, dieses Einüben von Verhaltensweisen, dieses Vorspiel, dieser Übungsraum, dass dieses Angewandte Theater mit einem Auftrag und gegebenenfalls finanziell-politischem Backing daherkommt, das uns ethisch widerstreben mag. Ich meine, das finde ich wirklich faszinierend. Und vielleicht ist es aber auch der Grund, warum Du und ich fast nie ins Theater gehen? Jedenfalls für mich spielt das rein. Aber ich schweife ab.

Diese Pick Up Artists ....

 

F.E.

... die Frauen dazu werden dann übrigens als „Pick Up Cats“ bezeichnet ...

 

K.F.

Gemeinhin sind ‚wir’ – die neoliberalen ‚guten’ Vampire – angehalten, das Self-Naming einer Minderheit als politisch korrekt zu betrachten, aber alles in mir sträubt sich, da einen ‚Künstler’ in diesen Performances zu sehen. Ich sehe einen Techniker, der lernt, was er machen muss, um seine Schalt- und Waltpläne zu realisieren. Das hat ja eigentlich dann nur mit Macht und zum Teil so etwas wie körperlicher Überlegenheit, mit Übergriffigkeit zu tun.

Dieses furchtbare Video, in dem man Julien Blancs durch die Straßen Tokios laufen sieht, wie er sich die Köpfe von jungen Frauen greift und sich an den Schwanz presst. Ehrlich, da möchte ich doch glatt den Bildschirm sprengen und ihm ins Gesicht spucken und ihm richtig wehtun.

Vielleicht ist dieses mediale Dispositiv dann auch wieder wichtig und legt nahe, bei solcherart Aktion nicht von Applied Theatre zu sprechen. Und erklärt auch, warum wir Barney Stinson als ja irgendwie doch fiktive Figur vielleicht sogar leiden, jedenfalls mit ihr und über sie lachen können. Aber wir wissen, dass wir in einem fiktiven Rahmen bleiben. Vielmehr ist das ernste Spiel hier bei den Pick Up Artists treffend, oder? Ich denke weiterhin an dieses schöne Bild von Helmar Schramm: „Die Wirklichkeit des Möglichen“. Ja, es ist wirklich, dass da jemand kommt und Deinen Kopf fasst und Dich misshandelt. Es ist möglich. Und widerlich.

 

F.E.

... oh – ich benutze „neoliberal“ immer als Schimpfwort im populistischen Sinne, bezogen auf eine sozial entgrenzte Wirtschaftsordnung, das sollte man wohl ergänzen ...

Ich weiß nicht, ich habe mich davon verabschiedet, dass Applied Theatre etwas mit Kunst und Künstlern zu tun haben muss, nicht, dass es das nicht kann. Aber angewandtes Theater als ernstes Spiel ohne künstlerisches Surplus erscheint mir inzwischen kein Widerspruch mehr zu sein. Die Videos des Pick Up Artists Julien Blancs, der in Rollenspielen armseligen Gestalten beibringt, wie man sexuell übergriffig wird, hat mich auch zutiefst geekelt. Er stellt mit der tatsächlichen Straftat (Fotos mit von ihm gewürgten, gedemütigten Frauen in sozialen Netzwerken) aber leider nur die medial populäre Spitze des Eisberges dar. Auch diejenigen Coaches, die da im Vokabular harmloser daherkommen oder gar das Wort ‚Respekt’ in ihrer verdrehten Logik missbrauchen, verkaufen letztendlich ein Produkt: „Nein heißt nicht nein!“ – der Türöffner zur Vergewaltigung.

Übrigens kann man da eine zweite, fiktive Figur Barney Stinson gegenüberstellen. Jordan Chase, Psychopath, Serienmörder und Gegenspieler von Dexter Morgan in der fünften Season der US-Amerikanischen Serie Dexter ist ein ebensolcher Coach für Männer ohne Selbstbewusstsein, der sich nimmt, was er will und dies auch anderen Männern beibringt. Diesen am Modell Julien Blanc entworfenen Charakter zum paktierenden Frauenmörder zu stilisieren, ist eine gelungene Aussage über die Branche: Psychologen, die Pathologien implementieren.

 

K.F.

Hm, ich bin gar nicht sicher, ob ich diese mangelnde Definition „ohne Selbstbewusstsein“ so wahrnehmen würde. Es ist vielleicht mehr ein Zeichen dafür, dass wir alles haben, und deswegen auch alles andere haben dürfen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Vielleicht stellt sich ja andernorts ein angewandtes Theater ‚dagegen’, eines, was um seinen prekären Zustand weiß, und einer Situation trotz allem technischen Geschick und Kunstfertigkeit mit einem ethischen Bewusstsein begegnet, welches die Anderen nicht vergisst.

 

F.E.

Das ist denkbar. Wieder und wieder komme ich zur Erkenntnis, dass Applied Theatre eine ethisch leere Form ist, die mit jedweder Intention gefüllt werden kann. Hier das Rollenspiel zur Einübung des Übergriffs, dort das andere zur Abwehr. Wie man eben auch nicht das Medium ‚Buch’ verurteilen kann, nur weil sowohl Die Kritik der praktischen Vernunft als auch Mein Kampf gedruckt werden kann.

 

 

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    Florian Evers / Kristin Flade: „Über Pick Up Artists“, The Aesthetics of Applied Theatre (Blog), Dezember 2014.