Bewegungsnormen

1. Die Anziehung der Torte

 

Ich sitze in einem Café und arbeite, das heißt, ich vertiefe mich in ein Buch, den Gedankenspuren anderer folgend, die in schöne Worte gekleidet sind. Da setzt sich eine Frau mittleren Alters mit ihrer etwa fünfjährigen Tochter an meinen Nachbartisch.

Ich habe es mir gemütlich gemacht an der großen Fensterfront, mein Rücken lehnt am Rahmen, die Schuhe habe ich ausgezogen, die Beine auf der Bank aufgestellt, damit ich mein Buch auf den Knien abstützen kann. Da streifen mich die selbstversunkenen Füße mit Schuhen des kleinen Mädchens. Ich finde das nicht weiter schlimm und frage sie, ob sie die Schuhe nicht einfach ausziehen möchte. Die Mutter sitzt moralapostulierend daneben. Selbstvergessen – noch auf den Caromilchkaffee und Kuchen wartend – ist das Warten eben schon wieder ganz abhanden gekommen, und der kleine Körper windet sich auf der Bank, wendig, ganz in der Bewegung und im Gedankenspiel? Sich wohlfühlend, eben wie zu Hause.

„Setz' Dich bitte hin!“

....

„Wenn ich mit dir ins Café gehe, dann möchte ich, dass du sitzt!“

Ein Mutter-Tochter-Café-Besuch, der an der unterschiedlichen Seinsweise gerade ins Kippen zu geraten droht. Die Mutter spricht leise (schließlich sollen es die anderen nicht hören). Sie scheint deutlich unzufrieden.

In dem Café spielen auch andere Kinder, es gibt sogar eine Kinderspielecke, es ist eine gelöste Atmosphäre, bis auf, ja, bis auf die angespannte Mutter neben mir. Der Kuchen kommt, ebenso der Caromilchkaffee, und gerade erst halb angegessen, den Milchschaum eben erst herab gehoben, bleiben sie wenig später stehen.

„Ich zahle jetzt!“– hastig werden Jacken über Pullover gezogen, das Kind folgt und fragt auftauchend aus der eigenen Bewegungswelt: „Mama, du musst doch noch zahlen!“

Mutter: „Das habe ich! Wir gehen!“

Im Subtext, würde ich es wie im Psychodrama ergänzen, klänge es wohl so: „Sofort! Ich gehe mit dir nicht nochmal in ein Café. Ich bestrafe dich mit dem Aufbruch oder eher Abbruch des Cafébesuchs, denn du kannst nicht still sitzen, wie ich es gerne hätte. Ich bin enttäuscht!“

Aber wer bestraft hier wen?

 

Die Versunkenheit des Mädchens ist mir sehr nah in diesem Moment. Ich fühle mich erinnert an eine psychodramatische Szene, in der ich selbst einige Tage zuvor Stellvertreterin für eine Protagonistin sein sollte, die eine Geschichte aus ihrer Kindheit reinszenierte, ebenfalls eine Kuchengeschichte:

In der Rolle eines fünfjährigen Mädchens sitze ich an einem langen Tisch, der durch Kissen gekennzeichnet ist, etwa in der Mitte. Um mich herum befinden sich mehrere Onkel, mein kleiner Bruder, meine Großmutter, mein Vater und meine Mutter. Die Atmosphäre ist sehr dicht, und sie wird es mit jeder Information mehr, die die Protagonistin im Wechsel mit jeder von ihr aufgestellten Personen gibt. Die Mutter fühlt sich dort nicht wohl, erfahre ich, der Vater mag hysterische Frauen nicht und meint, eine solche doch geheiratet zu haben, und die Kinder sollen sich benehmen und vor allem sich zügeln. Nachdem die Informationen zu den Charakteren spielend gegeben wurden, beginnt die eigentliche Szene, und alle Stellvertretenden spielen ihre Rollen gemäß der Vorgabe der Protagonistin aus. Die Onkel sind ziemlich mit sich beschäftigt im gegenseitigen Witze erzählen, die Mutter wirkt etwas reserviert, die Arme vor der Brust verschränkt, verletzlich und traurig, der Vater schaut sie nicht an, sitzt auch nicht neben ihr und ist im Gespräch mit seinen Brüdern versunken. Die Oma, die mit ‚meiner‘ Mutter die beiden am weitesten entfernten Punkte am oberen und unteren Tafelende bilden, redet mit dem Bruder und scheint meine Mutter verächtlich zu meiden – und ich? Ich bleibe unbemerkt, ich höre nur noch Stimmengewirr, die Stimmen fügen sich zu einem Klangteppich, der immer weiter nach hinten verschwindet und mich und den roten Zwerg nach vorne katapultiert, denn auf der Tafel liegt ein roter Zwerg (der ein Kuchenstück symbolisieren soll). Ich schaue dieses Stück an, rot leuchtend, und unsere Zwiesprache beginnt.

Das rote Ding scheint zu sagen: „Ich leuchte, greif doch nach mir!“

Und ich spüre Erregung, meine Hände verschränke ich ineinander, und es fährt ein Zucken durch meinen Körper. Mein Blick nimmt dieses rote Stück in sich auf, es ist ein Flirten, ich senke den Blick, schaue wieder auf – das Rufen ist geblieben, und ICH WILL danach greifen! Das Rot berühren. Meine Hand setzt sich in Bewegung und umfasst das Rot, als plötzlich eine Hand meinen Arm umgreifend packt, die die Gabel meines Vaters darstellen soll, die in meinem Arm landet, und unsere Blicke treffen sich!

 

Ähnlich auftauchend aus einer andern Welt muss es dem Mädchen im Café ergangen sein, als sie sagt: „Mama, du musst doch noch zahlen!“ Hier scheinen sich die Welten wieder zu treffen.

Die Szene in der psychodramatischen Rolle endete für mich mit dem Auftauchen aus ‚meiner‘ Welt, wo es nur mich und den Kuchen gab, wo ich verschwand im Klangteppich der anderen, unsichtbar, im Dialog mit dem Kuchen meine eigene Kommunikation führte und ich plötzlich mit Schrecken gesehen ward und das Spiel sich mit der Protagonistin in ihrer eigenen Rolle fortsetzte.

Im Café saß ich neben einer anderen Szene – ein anderer Kuchen, ein anderes Mädchen, eine andere Familie, die am Schaufenster des Cafés nun vorbei zieht.

Neben mir der fast unangerührte Kuchen, nach dem ich natürlich nicht greifen werde.

 

 

2. Stehen bei Grün

 

Ich streife durch die Straßen in Neukölln, nach einem langem Tag vor dem Laptop bewege ich mich endlich! Ein Ziel habe ich keines, mal links mal rechts herum erkunde ich Straßen, die ich aus diesem Zugang noch nicht begangen habe und komme irgendwann wieder an der Karl-Marx-Allee heraus. In meinem Empfinden bin ich gerade weder mit dem Zukünftigen noch mit dem Vergangenen sehr beschäftigt. Ich spüre meine Bewegungen beim Gehen, die Jacke, die sich bei jedem Schritt an meinem Rücken entlangschiebt, der weiche Wollpullover der sich dabei an meiner Haut bewegt und den Jeansstoff an meinen Beinen; ich denke dabei, dass das Spüren der Kleidung meist lediglich als Hintergrundgeschehen wahrgenommen wird.

An der Ampel stehend fällt mir die Leuchtschrift mit „Kino“ ins Auge und überhaupt sehe ich die Straße gerade aus einem verschobenen Blick. Die Allee könnte auch in Frankfurt, Barcelona, New York oder sonst wo liegen. Es ist eine Straße, deren Lichter leuchten und mir in ihrer gegenwärtigen Präsenz präsenter werden und plötzlich wie neu erscheinen, wie wenn ich durch eine fremde Stadt laufe und die Eindrücke auf mich zukommen lasse – ich denke, es ist Berlin und kein anderer Ort; hier kann ich die Sprache sprechen, zumindest die Landessprache, und ich bleibe staunend stehen – länger noch als die Ampel rot ist. Dann laufe ich der „Kino“-Leuchtschrift ein Stück entgegen, die Blicke einer Frau streifen mich, bleiben einen Augenblick hängen beidseitig. Ist sie auf dem Weg nach Hause? Zu Freund_innen, in ein Lokal? – Ich verweile, und mir fällt dabei das Ungewöhnliche meines Tuns auf; in einer Stadt, in der sich alles bewegt, alles in gewohnten Bahnen verläuft, ist es ein Moment der Irritation – still stehen.

Letztendlich ist die Stadt ein Raum mit viel Platz –  man könnte stehen bleiben, sich im Kreise drehen, die Arme ausbreiten, die Augen den Interessen folgen lassen, mit den Beinen hinterher, oder in einem Café sitzen und wie das kleine Mädchen sich selbstvergessen auf der Fensterbank im Café in den Kissen drehen – der Raum ist da, einiges tut man nicht.

Subtil sind die Bewegungen des Gelernten, und im Stehen, einfach so, oder anderweitigem Danebentreten, in keinem großen, oder wirklich gefährlich werdendem Rahmen, ganz legal, fällt die Norm in den Blick.

Nur ein Tritt daneben im verweilenden Moment, die ‚Wirklichkeit‘ (was auch immer das sein soll) wirklicher. Stehen bei Grün.