Das Rollending!

Welche Rolle spielt die Rolle in der theatertherapeutischen Familienrekonstruktion? – ein Interview

 

Das folgende, leicht gekürzte Interview ist ein Auszug aus einem Gespräch mit Karl Lesehr, systemischer Familientherapeut und, zusammen mit Ingrid Lutz, Leiter der theatertherapeutischen Familienrekonstruktionsfortbildung.

Ausgangspunkt des Gesprächs sind meine Beobachtungen und Rollenerfahrungen, die ich als Forscherin in der teilnehmenden Beobachtung in dieser Fortbildungsreihe machen konnte.

 

Lilian Seuberling: Wenn ich eine Rolle übernehme, dann tue ich in der theatertherapeutischen Aufstellungsarbeit nicht so, als ob ich xy wäre. Und trotzdem, wenn ich aufgestellt werde, bin ich ja auch nicht „ich“, d.h. ich stehe nicht für mich da.

Daher ist meine Frage: Wie würdest Du die Rolle, oder die Eigenschaften von einer Rolle, in dem theatertherapeutischen Aufstellungskontext charakterisieren?

 

Karl Lesehr: Was meinst Du, wenn Du sagst, Du seist nicht Du selbst?

 

LS: Wenn ich in einem System beispielsweise in die Rolle der Mutter gewählt werde, dann weiß ich in der Regel nicht viel über diese Mutter. Ich weiß nicht, wie sie sein soll, und es ist nicht ein „so tun als ob“ ich diese Mutter wäre. Weder kenne ich sie, noch habe ich eine Stückvorlage, die mir Anhaltspunkte geben würde für dieses „so tun als ob“.

Ich werde also als diese Mutter aufgestellt und stehe in dem Moment für jemanden stellvertretend dort und nicht mehr nur als Lilian.

 

KL: Es gibt Aufsteller[innen], die lassen überhaupt keine Informationen über die Personen zu, sondern die stellen nur auf.

Der erste Punkt ist, dass es bei einer Auswahl durch die Aufstellerin oder den Aufsteller immer irgendwelche unbewussten Zuordnungen gibt, warum ich gerade Dich wähle für eine bestimmte Rolle. Die weißt Du natürlich nicht. In aller Regel. Aber indem Du gewählt wirst, passiert zwangsläufig eine Annahme: „Es gibt einen Grund, warum sie oder er mich wählt.“

 

LS: Und diese Annahme gibt es dann bei… [wem]?

 

KL: Bei Dir, Lilian.

 

LS: Aha.

 

KL: Man kann sich nicht sicher sein, aber ich kenne es nicht anders, dass jeder der gewählt wird, zutiefst davon überzeugt ist, der oder die hat einen guten Grund, warum sie mich wählt für diese Rolle und sei es noch so „beliebig“.

Du kommst dann rein in ein System und hast nahezu keine Informationen, außer deiner unmittelbaren Wahrnehmung.

 

LS: Hmm.

 

KL: ... und die ist reduziert auf die simpelste Systemordnung.

Was dann passiert ist, dass Du auf all Dein Erfahrungswissen als Lilian zurückgreifst.

Das heißt, insofern bist Du, Lilian, in der Rolle, aber nicht in Deinem Alltagsverhalten, weil Du da nicht in dieser aufgestellten Konstellation bist.

(Eine Überscheidung von Systemkonstellationen kann es zwar geben, es ist aber sehr selten.)

Du greifst auf Dein Alltagswissen zurück und zwar auf ein Vorbewusstes.

Du stehst da, Du hast deine sinnliche körperliche Wahrnehmung und Du hast Grundmuster: Was heißt das? Was kenn ich woher auch immer, was hier passiert? – Und damit agierst Du.

Das heißt, Du bist nicht irgendwas, was der[die] Aufsteller[in] macht, sondern Du bringst dein für den Aufsteller [die Aufstellerin] unbekanntes Potenzial in diese Rolle mit.

 

LS: Aber trotzdem würde man sagen, dass es eine Rolle ist – und nicht nur einfach „Lilian“.

 

KL: Ja, weil die Rolle durch die spezifische Ordnung der Aufstellung definiert ist.

Also wenn ich Vater –Mutter – Kind, bloß jetzt mal diese Triade aufstelle, dann habe ich „hunderttausend“ Variationen, diese zueinander in Bezug zu setzen.

In jeder einzelnen Variation verändert sich meine Rolle als Kind. Ich übernehme durch die Aufstellungsordnung eine Rolle, eine Systemrolle. Aber welche Entwicklungsdynamik und welche Wahrnehmungshorizonte ich damit verbinde, das ist „Lilian“.

 

LS: Spielt es denn dann eine Rolle, wer die Rolle übernimmt?

Das klingt ja so, als ob ich als Aufgestellte anscheinend eine große Beeinflussungsmöglichkeit habe, in der Art und Weise wie ich mich mit meiner Wahrnehmung einbringe.

Und es gibt ja andere Ansätze, die sagen, dass es eigentlich egal sei, wer aufgestellt wird, weil im System sowieso passiere, was da ist und dass das wiederum relativ unabhängig davon sei, welche Person jetzt an welcher Stelle steht.

 

KL: Letzteres teile ich nicht. Das System in dieser einen von hunderttausend Variationen hat natürlich seine Regeln, seine Ordnungsregeln, anhand derer Entwicklung vermutlich verlaufen wird. Welche Form, also welche Ausprägung, ob jetzt rot oder grün oder blau, das bringst aber Du mit rein! In unserem Verständnis von Aufstellungsarbeit geht es uns nicht um die Enthüllung einer bislang unentdeckten gültigen Wahrheit eines Systems – schon die Vorstellung eindimensionaler Wahrheiten ist für mich lähmend.

Uns geht es vielmehr um die Entdeckung möglicher (!) Sinnzusammenhänge für dieses System und damit um die Chance, in dieser Art des Hinschauens auf eine sich entwickelnde Aufstellung festgefahrene lineare Erfahrungsbilder, fixierte Vorstellungen von systemischen Kausalitäten zu lockern und einen Zugang zu anderen, bislang aus der bewussten und erinnerten Wahrnehmung abgespaltenen Wirklichkeitsaspekten aus meiner (familiären) Systemerfahrung zu öffnen.

Wenn Du jetzt gewählt worden bist, obwohl Du farbenblind bist, um bei dem Farbenbeispiel zu bleiben, dann ist das eine Wahl, wo ich unterstellen würde, dass der, der Dich als Farbenblinde wählt, vielleicht die Idee oder die Wahrnehmung hat „Hoppla, da ist irgendeine Störung drin!“. Wir sind als Leiter[innen] dann interessiert, genau das Potenzial, „was macht denn ein Farbenblinder darin?“, das Du in Deinem Rollenhandeln mit ins Spiel bringst, herauszuarbeiten. Dieses Potenzial, auf das Du als Aufgestellte zurückgreifen musst, weil es für Dich eine fremde Situation ist, ist im Regelfall unbewusst.

Du kannst dieses persönliche Potenzial bloß verweigern oder aber es als Deinen Beitrag zu genau dieser Aufstellung leben.

 

LS: Wenn man in ein System gewählt worden ist, ist es ja häufig so, dass man sehr starke körperliche und emotionale Reaktionen hat, die, wenn man aus der Rolle rausgeht , dann manchmal verschwunden sind, manchmal auch noch ein bisschen länger da bleiben. Welche Erklärung hast Du für diese starken körperlichen und emotionalen Vorgänge?

 

KL: Ganz einfach: Das ist eigentlich das Normale, was man als Mensch wahrnehmen könnte. Im Alltag schützen wir uns nur vor dieser Intensität der Wahrnehmung.

Das, was ihr in der Aufstellungsarbeit erlebt, ist eigentlich unsere ureigene menschliche Qualität, die wir aber im Alltag entweder verlernt haben oder bewusst ausblenden, damit das Leben einfacher wird.

Das ist unser Potenzial und das ist das Potenzial, auf das wir zum Beispiel bei all dem, was wir als Intuition bezeichnen, zurückgreifen.

Und deswegen wage ich die These, dass das Aufgestelltwerden für viele Menschen so spannend ist, weil sie, völlig egal in welcher Konstellation, von sich selber einen Reichtum an Erlebens- und Ausdrucksmöglichkeit entdecken, der ihnen normalerweise ziemlich fremd ist.

 

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    Lilian Seuberling: „Das Rollen-Ding.Welche Rolle spielt die Rolle in der theatertherapeutischen Familienrekonstruktion? – ein Interview“, The Aesthetics of Applied Theatre (Blog), November 2014.