Es sandet sehr!

Meine Kolleg*innen und einige andere Menschen liegen am Strand, ich höre fast das Meeresrauschen. Wenn ich in die Gesichter meiner Mitmenschen sehe, sind verschiedene Regungen zu beobachten. Ein Gesicht, das sich in die Sonne hält und sichtlich entspannt aussieht. Ein Lächeln, was sich auf den Lippen abzeichnet, den Kopf in den Nacken gelegt, da sitzen einige wohl nah am Wasser. 

Überspült es vielleicht schon ihre Zehen? 

Das am Rande, denn ich spiele Ball! 

Die Unternehmenstheateranbieterin Claudia Borowy ist mein Gegenüber. 

Es ist lustig und belebt. Der Ball fliegt zunächst zwischen uns hin und her, dann plötzlich zischt er scheinbar an ihr vorbei; sie wendet den Kopf und rennt los, um ihn zu holen.

Ich muss wieder an ihren Vortrag einige Stunden zuvor denken. Er trug den Titel „Scheitern, Scheitern, besser Scheitern“.

Das von mir erwartete Scheitern in ihrem Vortrag zu Unternehmenstheater blieb aus. Kein Ablauf, der ungeplant nicht funktionierte, oder gar Streitsituationen, die entbrennen können! Nein! Vielmehr wurde das Gelingen des inszenierten Scheiterns und das Scheitern von Figuren thematisiert. 

Dazu muss ich etwas ausholen, damit der Kontext klarer wird: Frau Borowy zeigte uns im Rahmen des Workshoptages „Zwischen Freiheit und Norm!? Theater in Therapie und Unternehmen“, der von Fabian Lempa und mir organisiert wurde, ein Beispiel aus ihrer Unternehmenstheatertätigkeit, bei dem sie mit der Methode des Forumtheaters arbeitete. 

Beim Forumtheater, einer Methode des „Theaters der Unterdrückten“ nach Augusto Boal, das sich nun ironischerweise im Unternehmenskontext wiederfindet, wird von einer konflikthaften Situation ausgegangen. Diese wird durch Schauspielende szenisch dargestellt. Die Zuschauenden dürfen immer wieder Änderungsvorschläge einbringen, die in einer neuen Version der Szene dann zur Aufführung gebracht werden. In dem Fall sind es Schauspieler*innen aus dem Team von Borowy, die eine Szene zu Kommunikationsprozessen in Unternehmen für dessen Mitarbeitende aufführen. Die Anweisung an die Schauspielenden von Claudia Borowy lautete, dass sie die Vorschläge umsetzen sollen, dabei aber die Authentizität der Charakteranlegung der Figur beibehalten müssen. Nun kommen wir zum inszenierten Scheitern: Nach ihrer Aussage bringe es wenig, wenn die zweite Aufführung unter Einarbeitung der Vorschläge „perfekt“ umgesetzt wird. Vielmehr seien es gerade die Brüche und die Momente des Scheiterns, die den Erkenntnisgewinn für die Zuschauenden ausmachen würden. 

An diese Aussage erinnere ich mich, als der Ball landet. 

Hinter ihr. 

Das eigentliche Ziel verfehlt! 

Das Spiel mit dem imaginären Ball an einem imaginierten Strand gewinnt dabei tatsächlich an Echtheit, wird greifbarer, denn mal ehrlich: Wenn ich am Strand Ball spiele, treffe ich ihn nicht jedes Mal!

Die Situation am Strand fand übrigens im Rahmen des Workshopbeitrags „Ich bin, was ich sein könnte“ der ebenfalls an diesem Tag geladenen Referentin und Theatertherapeutin Bettina Stoltenhoff-Erdmann statt, die uns nach einer Erwärmung einen Einblick in die Arbeit mit der dramatischen Realität gab.

 

 

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    Lilian Seuberling: „Es sandet sehr!“, The Aesthetics of Applied Theatre (Blog), März 2014.