Serious Games III: Hell Houses

1. Die Allianz des Guten

Advocatus Diaboli – in der inzwischen eineinhalb-jährigen Forschungsarbeit unserer Gruppe habe ich mir öfters selbst diese Position zugeschrieben. Wie passend, nun über die Hölle zu schreiben. Aber fangen wir von vorne an. Fangen wir an mit einem exemplarischen Gespräch, wie ich es auf die eine oder andere Weise in den letzten eineinhalb Jahren immer wieder geführt habe:

„Wir beschäftigen uns mit verschiedenen Formen des Applied Theatre – angewandtem Theater“, erzähle ich meinen Diskussionspartnern. Fachkolleginnen wissen bereits, was gemeint ist, Laien werden aus Interesse (oder Höflichkeit) nachfragen.

„Nun“, erläutere ich, „ein Dachterminus für verschiedenste Formen von Theater, die nicht primär im Kunstbereich angesiedelt sind, sondern auf unterschiedliche Weisen in die soziale Realität intervenieren wollen. Ein Kollege etwa forscht über Theaterprojekte zur politischen Bildung in Zimbabwe und Südafrika.“ Spätestens hier zaubere ich ein verständnisvolles und wohlwollendes Lächeln auf die Lippen meines Gegenübers – wir beschäftigen uns offenbar mit einem Theater, das sich den Menschen zuwendet, mit altruistischen, sozialen Projekten. „Eine andere Kollegin ist zur Zeit in den palästinensischen Autonomiegebieten, um theatrale Interventionen in der akuten politischen Krise zu untersuchen.“ Der Respekt für den Gegenstand unserer Untersuchungen wächst noch einmal merklich beim Gegenüber. „Eine andere Kollegin wiederum beobachtet die Theaterarbeit mit Jugendlichen in Gefängnissen in Mexiko.“ Spätestens hier könnte ich wohl ohne Probleme eine private Spende von meinem Diskussionspartner einfordern („Hier guter Mann – nehmen Sie den gesamten Inhalt meiner Brieftasche und grüßen Sie unbekannterweise ihre Kollegen recht herzlich von mir – Gott segne Sie!“). Ganz eindeutig – unser Projekt beschäftigt sich mit „dem Guten“ in Reinform.

Gespannt, ob nun mein Bereich diese „Allianz des Guten“ um noch ein herzerweichendes soziales Projekt erweitert, fragt man mich: „Woran arbeiten Sie?“

„Theatrale Formen zur Selektion in Personalauswahlverfahren – also Rollenspiele in Assessment Centern deutscher Großunternehmen!“ Da wird das Lächeln meist dünner und auch die vermeintliche Spendenbereitschaft würde wohl abnehmen. Fachkollegen auf der Jahrestagung der International Federation for Theater Research in Warwick schienen Gänsehaut zu bekommen, wenn man berichtete, wie Formen von Augusto Boal oder Jacob Levy Moreno im „Corporate Theatre“ ihres politischen oder therapeutischen Anspruchs entleert Anwendung finden. Aber, ja natürlich, so wie ich es darlege, ist auch das Applied Theatre.

Heute erscheint es mir so, dass gerade die Entscheidung, in dieses Projekt auch das „Corporate Theatre“ zu integrieren, eine nicht uninteressante Perspektive hinzugefügt hat. Ist doch der Diskurs um Applied Theatre im angloamerikanischen Raum eng mit dem „Social Turn“, mit einer Hinwendung des Theaters zu sozialen Krisenherden und benachteiligten Gesellschaftsgruppen verbunden, zeigt das Teilprojekt „Corporate Theatre“, dass theatrale Formen, die den Definitionskriterien des Applied Theatre gehorchen, nicht essentiell sozial oder altruistisch sind. Als kleinster gemeinsamer Nenner all dieser Varianten des angewandten Theaters erscheint, dass die Zweckausrichtung dieses Theaters mehr Gewicht hat als ein künstlerisches Surplus. Das Formen von Subjekten steht im Mittelpunkt des Applied Theatre, und ist dies auch dennoch in vielen oder gar den meisten Fällen der Versuch einer positiven Intervention, so muss doch Erwähnung finden, dass diese Form ethisch leer ist und erst mit der Intention des Geldgebers gefüllt wird.

 

2. Schwarze Pädagogik

Doch ich sprach von der Hölle ... und ausnahmsweise meine ich nicht die Sartre-Hölle der Personalauswahlverfahren. Meine Kolleginnen aus dem Bereich „Theatre in Education“ werden mir verzeihen müssen, dass ich hier in ihren Gewässern fische:

 

Willkommen im „Hell House“. Wer Geisterbahnen mag, wird hier zunächst viel Vertrautes vorfinden: dunkle Gänge, Schreie, Blut, abgerissene Gliedmaßen, Dämonen, inszenierte Grausamkeiten – eine Besucherattraktion, die vor allem zur Halloweensaison bei jungen Amerikanern beliebt ist. Anders als von ähnlichen Buden vieler deutscher Jahrmärkte bekannt, ist dies kein Fahrgeschäft, bei dem man in einem kleinen, schienengeführten Wagen an Pappmaschee- und Plastikgespenstern vorbeigekarrt wird. In der Tradition der amerikanischen „Haunted Houses“ durchläuft man das Hell House als Besucher in einer Gruppe von 12 bis 40 Teilnehmerinnen zu Fuß. Eine Show dauert etwa 30 bis 45 Minuten. Zur Seite gestellt ist ein dämonischer Führer, ein Schauspieler mit zur Fratze geschminktem Gesicht und schwarzer Robe, der die Gruppe von Raum zu Raum lotst und das dort Präsentierte kommentiert. Und spätestens hier merkt man, dass mit dieser Geisterbahn etwas nicht stimmt, denn die drastischen Szenen, die in diesem Höllenhaus von Schauspielern einer Laientheatertruppe tableauxartig vorgeführt werden, haben ein starkes Sendungsbewusstsein: eine junge Frau wird zum vorehelichen Sex überredet und endet unter Schreien auf einem blutigen OP-Tisch, während eine Ärztin Fleisch- und Tiereingeweide – die für den abgetriebenen Fötus herhalten müssen, zwischen ihren Beinen (abgedeckt mit einer grünen OP-Decke) hervor holt. Ärztin wie anwesende Höllendämonen schreien das junge Mädchen in ihrem Martyrium an, dass es doch ihre Entscheidung gewesen sei. Es ist diese und folgende Szene, die in keinem Hell House fehlt:

Zwei Männer entscheiden sich zur Hochzeit und werden feierlich vom Satan in einer dämonischen Zeremonie am Altar vermählt. In den Regieanweisungen der Hell Houses ist festgelegt, dass einer der Männer von einer Schauspielerin in Hosenrolle verkörpert werden muss, da die Hochzeitsszene einen Kuss beinhaltet.[1] Ein spirituell konsequenzloser Kuss zwischen zwei Männern – im Hell House nicht einmal im Spiel denkbar.

Das nächste Tableau zeigt das Paar in Verzweiflung am Sterbebett: Der eine Mann ist überdeckt mit Kaposi Sarkomen. Die Sünde der Homosexualität wurde mit AIDS bestraft. Selbstmord, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Schulmassaker, die Schuld der Frau an ihrer eigenen Gruppenvergewaltigung, Konsum von kulturzersetzender Rockmusik, Harry Potter Bücher als Einstieg in das Okkulte und Pornografie, Hell Houses beherbergen viele Sünden und viele verlorene Seelen klagen im Nachleben ihr Leid den noch Lebenden: „Allah told me to blow up the subway and I believed Allah!“ schreit der tote, angekettete Selbstmordattentäter im Hell House, New York, und ein offenbar an Marihuanakonsum (!) gestorbener Drogensüchtiger reckt in Verzweiflung den Besuchern seine Wasserpfeife als Mahnung entgegen. Erbarmungswürdig jammernde Stimmchen abgetriebener Kinder fragen ihre Mamis, warum sie sie getötet haben und auf dem Höhepunkt wartet Satan mit einer Ansprache in einem extrem aufgeheizten, stinkenden Raum (die Regieanweisung für Hell-House-Attraktionen besteht tatsächlich darin, im „Hell-Room“ einen Limburger-Käse zu schmelzen)[2]. Stetig werden dabei die Besucher adressiert, dass es noch nicht zu spät für sie sei, Träger von Tattoos oder Piercings allerdings werden von dem dämonischen Begleiter ermahnt, dass sie sich schon einmal wie zu Hause fühlen können.

Doch sollen die Besucher in dieser „Shock and Awe“-Lehrstunde ihre didaktische Katharsis nicht allein durch Blut und Terror erreichen: Hat man das Hell House durchquert, empfangen den Besucher einige Engel mit Pappmaschee-Flügeln und nicht zuletzt Jesus, der einige warme Worte bereithält. In einem strahlend weißen Zelt, das nicht von ungefähr an die evangelikale Tradition der Erweckungs-Zusammenkünfte erinnert, werden die Besucher schließlich von einem Priester aufgefordert, laut zu bejahen, dass sie Jesus Christus in ihrem Leben akzeptieren wollen. Nicht selten mischen sich hier Tränen in die Gebete der Besucher.

Beruhigend wäre es, von einem kuriosen Einzelphänomen zu sprechen, doch „Hell Houses“ oder „Judgement Houses“, die Antwort fundamentalistischer Evangelikaler auf die populären Halloweenfestivitäten, sind kein Spartenphänomen. In der Vorsaison von Halloween öffnen bis zu 3000 dieser größtenteils temporären Attraktionen vornehmlich im Bible Belt der USA ihre Tore für Besucher.[3] Finanziert und umgesetzt werden sie von Gemeinden und da z.T. der Eintritt kostenpflichtig ist, sind sie auch in finanzieller Hinsicht erfolgreich: Hell Houses verzeichnen Besucherzahlen von 500 bis 1000 Personen pro Standort.[4]

Aufgrund der drastischen Gewaltszenen, die in diesem Theater der Grausamkeit die säkulare Angstlust Halloweens durch die Furcht vor dem Zorn Gottes ersetzen soll, müssen Jugendliche unter 14 Jahren in einigen Fällen das Einverständnis ihrer Eltern einholen, bevor sie sich die spirituellen Konsequenzen von Abtreibung, Date Rape und Pornokonsum vorführen lassen. Als Mindestalter für den Besuch gilt in vielen „Hell Houses“ das zehnte Lebensjahr, jedoch werden auch zahlreiche jüngere Kinder unter den Besuchern vermutet.[5]

Das Phänomen, das ästhetisch an das berüchtigte Horrortheater Grand Guignol in Paris erinnert, ist auf eine Produktion des Evangelikalen Reverend Jerry Fallwell und des Jugendpastors Gordon Luff der Thomas Road Baptist Church aus Lynchburg, Virginia aus den 1970er Jahren zurück zu führen.[6]

Im Zuge der Kritik konservativer evangelikaler Gruppierungen an den kommerziellen Halloweenfeierlichkeiten als den Wegbereitern zu Heidentum, Okkultismus und Satanismus erlebten die Hell Houses in den 90er Jahren einen „Boom“. Da man mit der Ästhetik des Horrors in den Ausschmückungen der Konsequenzen von Sünden offenbar fundamentalistisch christliche Botschaften in einer popkulturellen Form präsentieren konnte, die Jugendliche ansprach und erreichte, wurde das Hell-House-Konzept durch das (nicht zuletzt auch wirtschaftliche) Engagement des Assemblies-of-God Pastors, Reverend Keenan Roberts, in zahlreichen evangelikalen Gemeinden des mittleren Westens und Südwestens der USA etabliert.[7] Reverend Roberts lieferte Konzept, Regieanweisungen und ein bestellbares Ausstattungsset. Populärkultur, von der evangelikalen Rechten traditionellerweise als Propaganda für Homosexualität und Satanismus unter dem Deckmantel liberaler Politik und der „Freedom of Speech“ betrachtet, wurde von den evangelikalen Sittenwächtern – nicht nur im Fall der „Hell Houses“ – als Vehikel für eigene Botschaften entdeckt.

 

„Hell Houses“ – so möchte ich argumentieren – sind auch exzellente Beispiele angewandten Theaters. Das als Narrativ angelegte Durchschreiten der verschiedenen Stationen der Sünde soll im Idealfalle den Besucher in die Szenen integrieren, die Grenzen zwischen Spiel, rechtsreligiöser konservativer Politik und zumindest der psychischen Realität eigener Schuldphantasien verschwimmen lassen, ihn emotional und körperlich mit extremen Mitteln einbinden, um ihn religiös zu erziehen und in nicht wenigen Fällen auch für die Gemeinde rekrutieren. Schauspieler/innen werden zumeist aus evangelikalen Jugendgruppen und Gemeindemitgliedern rekrutiert.

In einer Form, die dem liberalen Geist zuwider sein muss, ist sogar der „Social Turn“ im „Hell House“ aufgehoben: die evangelikale Gemeinde wendet sich mit den Mitteln des Theaters einer Gruppe zu, die ihr hilfsbedürftig erscheint und einer theatralen Intervention bedarf: entwurzelten amerikanischen Teenagern.

 

Dieses Beispiel der schwarzen Pädagogik im „Applied Theatre“ ist natürlich ein drastisches, doch lässt es mich über die Macht des Initiators und die ethische Dimension der Inhalte nachdenken. So berichtete mir etwa mein Kollege Julius Heinicke von einem NGO-finanzierten Theater zur Aufklärungsarbeit auf dem afrikanischen Kontinent, in dem vor der Flucht nach Europa gewarnt wird. Selbstredend kann man hier argumentieren, dass die Menschen durch die Theaterarbeit vor den Schlepperbanden und den Konditionen auf den Flüchtlingsbooten nach Lampedusa gewarnt werden. Dennoch bleibt die Skepsis, ob ein solches Theater nicht auch finanziert wird, da man von Initiatorenseite ein ganz anderes „Boot“ als voll betrachtet. Auch Arbeitstitel wie „Theater zur Terrorismusprävention“, wie sie uns im Rahmen des Projekts „Aesthetics of Applied Theatre“ von einer Praktikerin vorgestellt wurden, hinterlassen zunächst ambivalente Gefühle. Selbstverständlich ist es das utopische und humanistische Potential des Theaters, Gewalt ins Symbolische zu heben oder gar andere Wege des politischen Widerstands aufzuzeigen, doch besteht auch das Potential, ein solches Projekt als sanfte, koloniale Maßnahme zur Akzeptanz bestehender Machtverhältnisse zu missbrauchen. Und nicht zuletzt ist auch das Unternehmenstheater zu großen Anteilen ein Theater zur ‚Gleichschaltung’ der Meinungen von Management und Arbeitnehmern.

Deutlich wird an dem Beispiel der „Hell Houses“ das Potential des angewandten Theaters, als starkes Dispositiv auf Subjekte einzuwirken, ein Dispositiv, das ethisch entleert und mit jeglicher gewünschten Form gefüllt werden kann. Es kommt auf die Intention des Initiators an.

 




[1] Jason C. Bivins: Religion of Fear , Oxford University Press, NY, 2008, S. 153. Im Folgenden zitiert als: Bivins.

[2] Bivins: S. 144

[3] David Casstevens: „Christian haunted houses aim to scare to salvation“, Chicago Tribune 29.10.2006.

[4] Bivins: S. 143

[5] Bivins: S. 143

[6] Bivins: S. 132 ff.

[7] Bivins: S. 133 ff.

 

© Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hell_Is_Real.jpg?uselang=de, Urheber: Eric Schmuttenmaer

 

 

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    Florian Evers: „Serious Games III: Hell Houses“, The Aesthetics of Applied Theatre (Blog), Oktober 2014.