Träume – Das Fleisch

Ich sitze im Zug und mache mir Gedanken über Träume.

Klar und deutlich – manchmal fühlen sie sich real an und dann wieder flüchtig und ungreifbar. Was ist eigentlich Wirklichkeit?

Nachtträume, Tagträume, Träume in die Zukunft, Wunschträume, Alpträume.

In der Gestalttherapie wird immer wieder gesagt, dass nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart und die Zukunft eine Wirkungsmacht haben.

Traum als Botschaft der Gött*innen? Träume als verdrängte Sehnsüchte – oder auch Ängste? Traum als verschlüsselte Sprache? Ganze Lexika zu Traumdeutung lassen sich in den Bücherregalen und auf Internetplattformen finden.

Frei assoziiert wählte ich letztens das Wort „weißes Pferd“, das steht übrigens, ganz unwissenschaftlich gesprochen, für „spirituelle Bewusstheit“[1] – Aha!

Auch in der Psychotherapie hat die Auseinandersetzung mit Träumen eine gewisse Tradition. So ist die Psychoanalyse, aus der die Gestalttherapie unter anderem hervorgegangen ist, vor allem durch Sigmund Freuds und C.G. Jungs Auseinandersetzungen mit dem Thema Traum bekannt geworden. Was aber ist das Besondere an der gestalttherapeutischen Auseinandersetzung mit Träumen?

 

Kann es überhaupt allgemeine Deutungsmuster für individuelle Personen geben, die wiederum in ein je spezifisches soziales und kulturelles Netzwerk eingebunden sind?

Kann es eine andere Person geben, die vermeintlich besser über mich Bescheid weiß als ich selber?

 

Mir fällt dazu der Satz ein „Lass sie liegen, gefährdet und schön!“, den ich neulich in einem Buch von Laura Perls entdeckt habe. Laura Perls, Mitbegründerin der Gestalttherapie, schreibt in einem Kapitel aus „Leben an der Grenze“ von einem Traum, in dem sie Paul Goodman[2] und seinen Sohn am Strand, Muscheln sammelnd, traf – und ihnen sagte: „Laßt sie liegen, gefährdet und schön! (...) Sammelt sie nicht, wenn sie trocken werden, werden die Muscheln brechen, die Kieselsteine werden grau und Stumpf.“[3]

 

Wer kennt das nicht: Am Meer einen wunderschönen grün schimmernden Stein in der Hand, ein kleines Farbenwunder, glitzernd und funkelnd – und zu Hause angekommen sieht er aus wie ein ganz normaler Kieselstein.

Kinderträume vom Entdecken einer wunderschönen Muschel, voller Freude, denn: „Ich habe sie, darf sie haben, darf sie mit nach Hause tragen, diesen unendlichen Schatz!“ – und morgens die Enttäuschung: Es war ein Traum und all die Schätze der Nacht verloren.

Sind sie das aber wirklich?

In der Gestalttherapie wird davon ausgegangen, dass alles in einem Traum ein Teil von Einem ist.

So ist Laura gleichzeitig die Welle, die an den Strand rollt, das Sandkorn, das sich dadurch bewegt, Paul, den sie trifft, die Muschel, die schimmert und in diesem Augenblick ihre Schönheit entfaltet, in Besitz genommen aber verblasst.

Und ich bin das kleine Mädchen, das einen Schatz findet, ich bin aber auch dieser Schatz.

Ich erinnere mich an ein gestalttherapeutisches Traumseminar.

Dort wurde ein Traum zunächst von der/dem Träumenden erzählt aus der Perspektive der Präsenz, als würde der Traum sich in diesem Moment ereignen. Die Gruppe sitzt dabei im Kreis und die Geschichte gewinnt durch das Erzählen aus der Gegenwartperspektive auch für die Zuhörenden oft an Prägnanz – eigene Bilder entstehen beim Zuhören.

 

„Ich, das Mädchen, komme an einem Stand, der gefüllt ist mit lauter Edelsteinen und Muscheln, vorbei. Dahinter sitzt eine alte Frau, die mich einlädt, ihre Schätze zu begutachten. Ich sehe...“

 

Bei der gestalttherapeutischen Traumarbeit wird im Laufe der Arbeit häufig nach dem Punkt der stärksten Emotion gefragt. Mit dieser Traumsequenz wird dann gestalttherapeutisch gearbeitet.

Einzeln, indem man selbst die Perspektive im eigenen Traum wechselt, die Situation, wie die Muschel, von außen ertastend – oder von innen ertastet werdend erfasst, oder aber im Spiel mit anderen, die einzelne Aspekte als Rollen übernehmen.

 

Das Erscheinen der Dinge – es breitet sich aus wie ein Kaleidoskop, bei jeder Bewegung das Muster verändernd – laut gestalttherapeutischer Perspektive bin auch ich.

 

Mitten im Grünen hinter Crailsheim, es ist der 12. Mai 2014.

Der Zug steht.

Zunächst passiert lange nichts.

Dann eine aufgeregte Stimme, dass alle Personen bitte im Zug bleiben sollen.

Stille.

Wenig später meldet sich diese Frauenstimme wieder, hörbar aufgeregt und wohl auch unter Schock – wir sollten alle Ruhe bewahren und es handele sich wohl um einen „Personenschaden“.

Die Zeit steht still in der Ruhe, die plötzlich einkehrt.

Kein Rattern mehr,

keine vorbeiziehenden Landschaften.

Nur der Zug knackst leise. Es hört sich ein bisschen an wie der Ofen einer Sauna.

Herausgerissen aus meinen Gedanken. Ich genieße den Augenblick der Stille fast, angehalten – nur das Knacken des Zuges.

Heute ist niemand da, der oder die sich aufregt – wie so oft – und wie so oft denke ich 

in diesen Situationen – es ist eigentlich treffend, dass der Laufe der Dinge unterbrochen ist, bei einem Augenblick der Entscheidung von Leben und Tod.

Bei einem Augenblick, der den Tod, den so oft niemand ganz nah oder da haben will,  mitten ins Leben holt, wo er eigentlich ständig ist– real.

Die Zeit steht still.

Es ist kein Personenschaden, sondern ein Mensch, ein eben noch lebender, jetzt toter Mensch, denke ich.

Kein Traum.

Die Sprache spricht,

spricht von uns,

spricht von unserer Kultur,

spricht von unserer Beziehung zu den Dingen.

Meine Gedanken wandern zu einer gestalttherapeutischen Traumarbeit, dort war zu Beginn die Rede von einem Tier, dass im Laufe der Arbeit zu „dem Fleisch“ wurde.

Sprache spricht.

„Das Fleisch“ liegt auch hier, irgendwelche „Stücke“ in der Ferne.

Sprache spricht. Wir sprechen Sprache.

Personenschaden – entpersonalisiert.

Und doch, die Frauenstimme in der Ansage spricht auch von Betroffenheit.

Wind weht, die grünen Weißdornbüsche bewegen sich mit ihm, werden bewegt durch ihn.

Die Zeit läuft natürlich weiter, ein Rabe kräht „grrrr- grrrrr“ – der Zug knackst.

Stille.

Nach einer Weile ertönen Sirenen. Feuerwehrmänner laufen an den Schienen entlang zu „etwas“ weit, weit hinten liegendem.

Stille, knacksen – eine Ewigkeit.

Ein Feuerwehrmann, der durch den Zug läuft:

„Bei Ihnen alles in Ordnung, trotz Bremsung? ... Super, super … Oh, ist der Zug lang!“

Summen, Stille, Knacksen.

DB Mitarbeiter.

Stille, Knacksen ... Stille, Knacksen ... Wind heulen, Knacksen ... Bewegung der Äste... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ...

 

„Heidi, ist das nicht furchtbar! Warten auf unbestimmte Zeit!

Also wir werden in Kürze erfahren, wann wir weiter fahren!“

Es ist der 13. Mai, ich sitze erneut im Zug und arbeite, wieder eine Vollbremsung, andere Landschaft, anderer Zug – diesmal kein RE sondern ICE, anders als Gestern gibt es hier ständige Durchsagen, was gerade passiert – sachlich.

 

I C E, "ice", eiskalt? – „Also es ist schon ärgerlich!“, Tippen von Tasten, Wiegen von Korn.

RE – Rechnerisches Experiment? REnnen? REttung (wohl in beiden „Fällen“ zu spät).

Was will mir das eigentlich sagen? Was ist hier los?

Noch müde, nach stundenlanger Warterei von gestern. Von Zug nach Bus, nach S-Bahn- wieder im Zug sitzend, im stillen Zug – fühle ich mich leicht genervt. Ich möchte nach Hause.

ICE, "Immens" oder "important", „coole“ Elite? – Die männlich klingende Stimme tönt sachlich, distanziert – das „Geschehen“, also der Tod eines weiteren Menschen direkt vor „meinem Zug“, rückt in die Ferne, oder wird von vorne herein fern gehalten – sachliche Informationen, weitere sachliche Informationen und noch weitere sachliche Informationen.

 

Sprache spricht – wir sprechen Sprache!

 

Das „Fleisch“– ungeträumt – in Ferne.

 

 

 


[2] Paul Goodmann ist ebenfalls Mitbegründer der Gestalttherapie zusammen mit Laura und Fritz Perls.

[3] Leben an der Grenze. Essays und Anmerkungen zur Gestalttherapie. Hrsg. von Milan Sreckovic. Edition Humanistische Psychologie, Köln 1989 (3. Auflage 2005), S. 165 f.

 

 

 

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    Lilian Seuberling: „Träume – Das Fleisch“, The Aesthetics of Applied Theatre (Blog), Oktober 2014.